Besucher, die zum ersten Mal mein Wohnzimmer betreten, fragen mich zumeist teils erstaunt teils amüsiert in den ersten Minuten, wieso ich denn ein Flipchart im Wohnzimmer stehen habe und ob ich denn nebenbei Unterricht geben würde. Nach einer Verneinung folgt dann hier und da die Frage, warum ich nicht einfach ein Stück Papier auf meinen Schreibtisch lege und dort schreibe; das ginge ja schliesslich auch und wäre weniger aufwändig. Ausserdem würdet so ein Flipchart doch eher im Weg stehen, Platz wegnehmen und auch nicht gerade sehr dekorativ sein.

Ursprünglich kam ich auf die Idee durch eine Bekannte. In ihrem Arbeitszimmer steht ebenfalls ein Flipchart. Gelegentlich notiert sie dort nicht nur verschiedene Dinge wie Telefonnummern oder malt bei Lust und Laune. Sie sieht es auch als unterschwelligen Wunsch sich mitzuteilen, und sei es nur für sich selbst im Vorbeigehen. Ich fand die Idee gut und griff sie auf. Bei mir kam jedoch eine weitere Idee hinzu: alles, was ich mir anlese und nicht gleich behalte wäre auf losen Zettel auf meinem Schreibtisch verloren. Dort lägen nämlich innerhalb kürzester Zeit viele Papierschnipsel, die dann thematisch zu sortieren wären. Ein viel zu grosser Aufwand für ein bißchen Neugierde. Erfahrungsgemäß schaue ich mir die Zettel nie wieder an. Das Interesse an einem bestimmten Thema würde sich demzufolge verlieren oder schlichtweg in Vergessenheit geraten.

Wenn man sich aber etwas nebenbei merken möchte ohne es in traditioneller Hinsicht lernen zu wollen, dann ist ein Flipchart der ideale Gedächnistrainer. Man begegnet nämlich dem aufgeschriebenen Stoff und den dazugehörigen Daten beim Vorbeigehen immer wieder. Die meisten Wohnzimmer sind nicht unbedingt so gross, dass ein aufgestelltes Flipchart nicht gesehen wird, insofern kommt man zumeist an ihnen nicht vorbei, ohne sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass man das eine oder andere noch nicht verinnerlicht hat. Durch diese stille Lernaufforderung behält man irgendwann das Aufgeschriebene ganz automatisch und nahezu nebenbei.

Ist das Ziel erreicht, kann eine neue Seite begonnen werden, ohne die alte abreissen zu müssen; man schlägt sie einfach nach hinten über und ist bei Bedarf wieder präsent. So kann ich ohne Mühe Dinge lernen, die man eigentlich gar nicht benötigt, sie aber wissen möchte. Und sei es – wie gleich nach dem Aufstellen meines neuen Flipcharts – der Aufbau des Wassermoleküls, dessen Zusammensetzung ich erst mit dem Aufzeichnen begriff. Nun weiss ich bspw. ganz nebenbei, dasss Wasser kein homöopathisches Gedächtnis haben kann, alldieweil die Wasserstoffbrückenbindungen, also die Verbindung zweier Wassermoleküle instabil sind und keine dauerhaften Formationen bilden. Die Moleküle lösen sich unentwegt innerhalb eines Zeitfensters von 50 Billiardstel Sekunden und setzen sich immer wieder zu neuen Clustern zusammen. Diese Erkenntnis alleine war schon das Flipchart wert.

Vielleicht liegt die Leichtigkeit des Lernens mittels eines Flipcharts ja auch an den grossen Buchstaben, die laut Spiegel online eine höhere und emotionalere Aufmerksamkeit erzielen.

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