Friedrich Hund, Werner Heisenberg und Max Born, 1966
Bild: GFHund CC BY 3.0
Wo seid ihr? Gibt es euch noch? Gibt es euch Wissenschaftler, die nicht nur geheime Koryphäen ihres Fachs sind und unbemerkt von der Öffentlichkeit glanzvolle Leistungen vollbringen? Wo seid ihr Wissenschaftler, die öffentlich auf die zahlreichen unwissenschaftlichen Mißstände in der Gesellschaft hinweisen und sich klar zu wissenschaftlichen Grundlagen bekennen? Gibt es die Wissenschaftler, die sich ohne Angst vor dem Geschrei mancher Verbände klar und deutlich offen dazu bekennen, dass esoterischer und homöopathischer Unsinn auch als solcher bezeichnet wird?
Wo seid ihr Wissenschaftler, die sich nicht mit fadenscheinigen Alles-ist-möglich-Aussagen aus jeglicher Diskussionsaffäre ziehen, die dem Geschrei der Uneinsichtigen nicht aus dem Weg gehen und sich eindeutig wissenschaftlich positionieren? Wo seid ihr, die nicht schweigend und kopfschüttelnd die Auslandsflucht unserer Wissenschaftler mißbilligen, sondern gegen die Ignoranz der Politik das laute offene Wort wagen? Gibt es euch Wissenschaftler überhaupt, die deutlich und öffentlich auch gegen alle Widerstände die wissenschaftlichen Arbeitsgrundlagen nach internationalen Standards uneingeschränkt einfordern und als festen und unauflöslichen Bestandteil der Wissenschaft vertreten? Wo seid ihr, die jeden Versuch der religiösen Einflußnahme oder esoterischen Unterwanderung von Universitäten durch medienfreudige akademische Titelträger massiv und lautstark kritisieren? Wo seid ihr Helden der Wissenschaft, die wir so dringend nötig haben?
Wo seid ihr? Gibt es euch noch? Gibt es euch Intellektuelle in der Tradition von Böll, Grass oder Arendt, die sich öffentlich zu sozialem und menschlichem Denken bekennen, die auf schwere soziale oder politische Mißstände hinweisen und mit ihren nötigen Provokationen die Finger in die gesellschaftlichen Wunden legen? Gibt es euch, die den Politikern eindringlich in´s Gewissen reden und ihnen sagen, dass sie häufig am Menschen vorbei agieren? Wo seid ihr Intellektuellen, die das Gewissen einer ganzen kulturellen Epoche vertreten und sich mit und an dem Volk und seinen Vertretern reiben. Gibt es euch Intellektuelle überhaupt, die gleichzeitig unsere Kultur erweitern und die Identität eines ganzen Volkes sind? Gibt es euch noch, die den abfälligen Umgang mit den Schwachen kritisieren und den Ungehörten Gehör verschaffen? Wo seid ihr Intellektuelle, die Tabubrüche wagen, völlig neue Wege gehen und ihr Verständnis von Demokratie und Meinungsfreiheit auch gegen den Zorn der Regierenden und der Religiösen erweitern und verteidigen? Wo seid ihr Helden der Intellektualität, die wir so dringend nötig haben?
Wo seid ihr? Gibt es euch noch? Gibt es euch Politiker in der Tradition von Adenauer, Brandt und Schmidt, die klar und deutlich zu ihren Werten stehen und bei denen der Dienst am Bürger im Vordergrund steht? Gibt es die Politiker, die nicht von Visionen reden, sondern dieselben pragmatisch verfolgen, die staatsmännisch auftreten und als Regierungschef nie den Blick für´s Wesentliche verlieren? Wo seid ihr, die nach ihrem Gewissen handeln und dies auch gegen mächtige Interessen durchzusetzen in der Lage sind? Wo seid ihr Politiker, die man zu den politischen Urgesteinen zählen wird, die Modernität und Fortschritt wagen und den Wohlstand aller Bürger im Blick haben? Gibt es euch überhaupt noch, die nicht die eigene Karriere im Blick haben und klar und deutlich für eine immer wieder zu verbessernde Welt im Sinne aller Menschen kämpfen? Gibt es euch Politiker, die sich nicht den Aufdringlichkeiten von Lobby und Religionen beugen? Wo seid ihr Helden der Politik, die wir so dringend nötig haben?
Wo seid Ihr Koryphäen des Intellekts, Ihr dringend benötigten Helden der Gesellschaft, die niemand überhören kann, auch wenn manche euch nicht hören wollen. Wo seid ihr nur alle?
29. September 2012 at 06:34
Die sind anderweitig beschäftig. Wir müssen das wohl selber machen :/
29. September 2012 at 09:43
Ich glaube eher, dass viele gar nicht mehr an die Öffentlichkeit gehen, weil sie entweder zu satt oder zu müde sind. Sicher sind ein Harald Lesch, der bei Schwachsinn durchaus auch öffentlich einen dicken Hals bekommen kann, oder auch manchmal ein Anton Zeilinger rühmliche Ausnahmen, aber auch sie mahnen zu wenig. Und wir selbst sind nun mal nicht gewichtig genug, nicht mal als Bloggerszene…
29. September 2012 at 13:32
Ähnliche Fragen habe ich mir auch schon gestellt. Es gibt sicherlich viele Erklärungen: Resignation angesichts eines desinteressierten, von Boulevardmedien konditionierten Publikums, Öffentlichkeitsscheu, egoistische Karriereinteressen von Politikern (siehe z. B. die Flucht diverser Politiker in gutbezahlte Positionen innerhalb Wirtschaft) und Wissenschaftlern (die trotz des Bezugs von Steuergeldern oftmals nur ihr eigenes fachinternes Ansehen und persönlichen finanziellen Wohlstand im Blick haben) etc. pp. Irgendwie ist es schon zum Heulen: Wir haben einen komplexen Wissenschaftsbetrieb, nur leider bekommt das Gros der Bevölkerung davon überhaupt nichts mit, einerseits, weil vonseiten der Massenmedien keine Nachfrage besteht, andererseits, weil die Wissenschaft sich größtenteils selbst abschottet. Man denke nur an den Preis wissenschaftlicher Originalpublikationen: wissenschaftliche Zeitschriften verlangen für Einzelartikel und Abonnements horrende Preise, so dass letztlich nur Universitäten sich deren Anschaffung leisten können (und die wiederum beschränken den Zugang). Wikipedia, ihre (leider kaum bekannten) Schwesterprojekte wie z. B. Wikibooks (auf denen Wissenschaftler Bücher für alle frei zugänglich veröffentlichen könnten) und andere „Web-2.0-Projekte“, darunter z. B. Youtube EDU, aber auch einzelne Mutige (z. B. der Philosoph Thomas Metzinger) sind hier zwar Lichter an einem dunklen Horizont. Aber solange der Großteil der Wissenschaft weiter für die meisten Menschen unzugänglich bleibt, wird sich hier wohl kaum was ändern.
29. September 2012 at 13:55
Ich sehe es nicht so, dass der Grossteil der Wissenschaft für die meisten Menschen unzugänglich bleibt. Im Prinzip gibt es genug öffentliche Online-Bibliotheken, in denen jeder nachlesen kann.
Mir fehlen eher die intellektuellen Kritiker, die Fehlentwicklungen öffentlich kritisieren. Die schleichende und vermutlich zunehmende Einschränkung der Meinungsfreiheit (derzeit geplant zugunsten verletzter Gefühle Religiöser) ist eine solche schwere gesellschaftliche Fehlentwicklung. Aber die lauten und bissigen Mahner gibt es nicht mehr – sie sind alle zu satt und es scheint ihnen lieber zu sein, ihre eigene Position nicht aufs Spiel zu setzen.
29. September 2012 at 14:00
Gott sei Dank sind die wahren Wissenschafter nicht so kleinkariert und weltfremd wie Du etwa, sondern offen für neue Erkenntnisse, die eindeutig dahin gehen, dass Geist Materie erschafft und steuert und niemals Materie Geist erschaffen kann oder konnte. Somit ist das ganze Weltbild des reinen Materialismus falsch.
Trotzdem stellt sich mir eher die umgekehrte Frage: Denker wo seid ihr, die dem momentanen, rein materialistischen, überholten Weltbild endgültig den Garaus machen. Wissenschaft heißt, frei denken dürfen.
Du meinst mit “wissenschaftlich positionieren” wohl eher geistig blockieren, mauern, das Weltbild des 19. Jahrhunderts nostalgisch mit Armen und Beinen gegen besseres Wissen verteidigen.
Auch wenn Du fragst “Wo seid ihr alle?” – ich meine, dass gerade diese Menschen, die Du meinst, schon viel zu zahlreich vertreten sind und man eher das Gefühl hat, überall nur mehr auf sie zu treffen. Also groß suchen braucht man die leider nicht – ein flaues Gefühl liegt da eher schon im Magen bei der schleichenden Durchdringung der Gesellschaft mit Skeptikerfreaks.
29. September 2012 at 15:10
Ich finde es lustig, dass ausgerechnet die leichtgläubigsten Menschen auf diesem Planeten von Wahrheiten sprechen – ausgrechnet die, die in jeder geistig verirrten Flatulenz oder Diarrhoe spiritueller oder religiöser Eso-Spinner mit verklärtem Schwurblerblick den Beweis von Wissen erkennen wollen. Ausgerechnet die, die keinerlei Nachweise bringen können ausser schwachsinnige Thesen und Aggressivität. Das ist wirklich eine echte Zumutung.
Wenn Du “freie” Denker suchst, dann schaue ins Internet, da tummeln sich unzählige, die sich für freie Denker halten und das realistische Weltbild schon längst verlassen haben. 80% glauben an die Homöopathie, sind die Dir nicht frei genug? Es gibt inzwischen auch akademische Huschifuschischwurbler mit Doktortitel, zu denen Du aufschauen kannst. Was also willst Du von mir?
29. September 2012 at 17:01
Wenn wir 80% der Homöopathie vertrauen, wäre das toll, bezweifle ich aber leider. Wäre dann auch ein guter, indirekter Beweis für ihre Wirkung. Es gibt ja auch kaum Menschen, die über Misserfolge homöopathischer Behandlung berichten.
Wer bestimmt denn, was das realistische Weltbild ist?
Die Ausdrucksweise immer mit Schwurbel und so zeigt, eigentlich nur die aggressive, diffamierende Zielsetzung. Wenn man Schwurbeln als “vermeintlich oder tatsächlich unverständliche, realitätsferne oder inhaltsleere Aussagen” sieht, dann findet das bei den von Dir im Artikel gesuchten Leuten genauso um umso mehr statt. Insbesondere im Bereich der Heilung gibt es nur mehr wenig Wahrheiten.
Mit Deinem Blog suchst Du eigentlich weniger nach der Wahrheit oder kritischem Denken, sondern nach einem Denken in einem ganz begrenzten, fast sektenartig eingeschränkten Bereich, den zu verlassen, undenkbar werden soll. So verhindert man neue, bahnbrechende Erkenntnisse. Glücklicherweise ist dieses Denken aber zunehmend wieder durch interdisziplinäre Gespräche hintangehalten, weil dort dann meist einer den anderen “aufweckt” und man hoffentlich erkennt, hoppla, es gibt nicht nur Lunge, weil er Lungenfacharzt ist, sondern den ganzen Menschen, und die ganze Welt und alles hängt zusammen.
Also, hoffentlich hast Du recht, dass es schon so viele sind, die aufgeschlossen denken!
29. September 2012 at 21:12
Vielleicht denkt man anders über Homöopathie & Co. wenn man täglich Menschen an Krebs verrecken sieht, weil sie erst mal ein Jahr wirkungsfreie Zuckerkügelchen und energetische Ausleitungsverfahren probiert haben, anstatt zu einem Arzt zu gehen.
Aber zum Thema:
Stell dir vor, es gäbe so viele Talkshows zu wissenschaftlichen Themen, wie es zu jedem politischen und gesellschaftlichen Thema gibt? Das wäre ausgewogen. Aber natürlich hat ein Herr Fliege oder Herr Hüther oder eine Kölner Wahrsagerin mehr Sendungsbewusstsein als der durchschnittliche Teilchenphysiker. Letztere sind nämlich tatsächlich damit beschäftigt, neue Erkenntnisse und Ergebnisse zu erlangen und nutzen ihre eigenen Veröffentlichungskanäle. Und natürlich sind die weder der breiten Öffentlichkeit zugänglich noch verständlich.
Wer das große Nichts verkaufen will, braucht viel mehr öffentliche Aufmerksamkeit dafür. Also mehr Sendungsbewusstsein und aufdringliche PR-Strategien. Deshalb hört man davon mehr.
Realität setzt sich ja von selbst durch, egal wie oft man darüber redet.
Der Realität schadet es auch nicht, wenn sie weniger Beachtung erhält.
Der Schaden entsteht, wenn immer weniger Leute lernen, wie man die Realität ergründet – und das ist ein gesellschaftlicher Schaden.
Und es gibt massenweise Informationen, tolle Sendungen, Artikel, Ausstellungen usw. zu wissenschaftlichen und aufklärerischen Themen. Seit meinem Skeptator-Experiment fällt mir das mehr auf als je zuvor.
Sie sind nur nicht laut genug.
Dilemma: Kompetenz und Sendungsbewusstsein sind im Mittel reziprok proportional.
22. Oktober 2012 at 18:09
Pingback am 22.10.2012 um 18:09 von http://blog.gwup.net/2012/10/22/wissenschaft-macht-spas-pladoyer-fur-eine-promotion/
[...] fragte vor drei Wochen Der Nesselsetzer in seinem Blog. [...]