Eigentlich wollte ich zu dem von Schriftstellern, Philosophen und Bischöfen geforderten gesetzlichen Schutz vor verletzten religiösen Gefühlen nichts mehr schreiben. Zu abwegig ist dieses Thema, denn abgesehen davon, dass mit einem Blasphemieverbot etwas geschützt werden soll, was nach allen wissenschaftlichen Erkenntnissen gar nicht existiert, ist der zusätzliche Schutz vor der Verletzung von religiösen Gefühlen ja nichts weiter als ein Wunsch nach gesetzlicher Rückendeckung für emotionale Erpressungen nicht- oder andersgläubiger Mitmenschen – in einem Rechtsstaat ein absolutes Unding.
Trauriger Schimpanse,
Kreationisten leugnen Verwandtschaft; Bild: William Warby CC BY 2.0
Doch wohin eine solche Gesetzgebung führen könnte läßt sich derzeit an einer mehr oder weniger schönen Begebenheit demonstrieren, welche bei der GWUP gestern veröffentlicht wurde. Da hat nämlich eine Brausefirma ein Reklameplakat für ein Cola-Getränk veröffentlicht, auf der die Entwicklungsstufen des Menschen auf den Genuß des Getränks reduziert wurde. Ob die Reklame nun gut oder schlecht ist sei dahingestellt. Das Lustige daran ist jedoch, dass sich sogleich Kreationisten über die Darstellung aufregten, weil sie keineswegs mit dem Schimpansen verwandt sein wollen: “Ich bin kein verdammter Schimpanse”, schrieb ein verärgerter Softdrink-Konsument auf Facebook. “In meinem Haushalt wird es keinen Dr Pepper mehr geben. Gott segne Euch.” Der Softdrink sei schlicht ein Synonym für “Gotteslästerung und vergammelte Zähne”, ätzte eine Frau.” (aus GWUP – Brause stößt Kreationisten auf).
Nun ist bei obigem Fall die Darstellung der stark verkürzten und durch Colabrause vollzogenen evolutionären Entwicklung unserer Vorfahren zum Homo sapiens sapiens eher nicht als geschichtsträchtige Darstellung, sondern so klar als Werbegag zu verstehen, dass man das eigentlich gar nicht mehr erwähnen muss. Dennoch gibt es Menschen, die alleine durch die Darstellung ihrer möglichen Vorfahren als Menschenaffen schon heftigst beleidigt sind, obwohl die tatsächliche evolutionäre und von Kreationisten verleugnete Entwicklung des Menschen im Ursprung von einem gemeinsamen Vorfahren von Schimpanse, Gorilla, Orang Utan und Menschen ausgeht. Nicht umsonst teilen wir unsere DNA zu 98,4% mit den Schimpansen.
Diese Tatsache muss natürlich auf das Heftigste die religiösen Gefühle der Kreationisten verletzen, die in den Menschen keine weiterentwickelten Menschenaffen sehen, sondern ein von Gott mit Sonderstatus im Tierreich erschaffenes Wesen. Ob der Glaubensinhalt der Wahrheit entspricht spielt wie in allen anderen Religionen keine Rolle. Insofern ist die evolutionäre Theorie für Kreationisten Blasphemie “vom Feinsten” und verletzt ihre religiösen Gefühle aufs Schärfste, denn die Darstellung des Menschenaffen als Vorfahr ist noch mehr blasphemisch als die Verneinung der Existenz Gottes.
Es führt kein Weg daran vorbei: unsere Vorfahren waren affenähnlich und nach dem Fellverlust schwarzhäutig
Wiki gemeinfrei
Da die Verletzung religiöser Gefühle jedoch nach dem Willen der ganz oben Genannten gesetzlich geschützt werden soll, wäre der Staat nun in einer erbärmlichen Zwickmühle. Einerseits müsste er die Evolutionstheorie als gut begründete Theorie verteidigen, andererseits wäre er jedoch verpflichtet, das Verletzen religiöser Gefühle zu bestrafen. Letztendlich würde das dazu führen, dass zwangsläufig niemand mehr behaupten dürfte, unsere Vorfahren wären Menschenaffen, denn das wäre durch den blasphemischen Inhalt nach der kreationistischen Lehre “gefühlsverletzend” und somit strafbar. Wissenschaftliche Forschung bzw. deren Nachweise wäre dann unerheblich.
Alleine daran sieht man schon, dass ein Staat bei dem Versuch, das Verletzen religiöser Gefühle gesetzlich zu schützen grandios scheitern muss. Nach den früheren Beliebigkeiten preußischer Staatsepochen sowie dem Dritten Reich ist eine solche Gesetzgebung in einem demokratischen Staat wie der Bundesrepublik nicht mehr möglich, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Und da spielt es keine Rolle, ob es um ein schlecht gemachtes Video geht, um Werbeplakate, die manchen Kreationisten brausemäßig aufstoßen oder um die Verspottung christlicher Symbole.
Verletzte Gefühle religiöser Art sind eher etwas für einen Psychotherapeuten als für einen Gesetzgeber.

24. September 2012 at 09:45
Wer “religiöse Gefühle” hat, die “verletzt” werden können, dessen Glaube kann nicht sehr stark sein ^_^
24. September 2012 at 16:08
Klingt schön logisch, ist es aber nicht. Denn bei Blasphemie geht es nicht um Behauptungen oder Darstellungen, die Religions-Wahrheiten” widersprechen. Es geht um Äußerungen, die in Beleidigungsabsicht gemacht werden. Wissenschaftlichen Abhandlungen fehlt ein solcher subjektiver Impetus naturgemäß.Die “subjektive Tatseite” (im konkreten die Beleidigungsabsicht) zu ergründen mag bisweilen schwierig sein, ist jedoch täglich Brot in jedem Strafverfahren.
24. September 2012 at 19:52
Es geht hier weniger um blasphemische Äußerungen oder religiöse Wahrheiten als vielmehr um religiöse Gefühle sowie der Bestrafung eines möglichen Verletzers. Die Aussage, dass der Mensch vom Menschenaffen abstammt, verletzt im Prinzip die Gefühle der Kreationisten zweifach. Zum Einen verstehen sie dies als persönliche Herabwürdigung ihrer Person durch Herabsetzung ihrer Herkunft (Menschenaffe statt Gott), zum anderen kann eine solche Aussage durchaus als Verhöhnung ihres Glaubens angesehen werden und damit ebenso ihre Gefühle verletzen. Wenn also jemand fordert, dass das Verletzen von religiösen Gefühlen bestraft werden soll, dann wird die reine Aussage, dass der Mensch vom Menschenaffen abstammt bereits Gefühle verletzen und somit strafbar sein – und das völlig unabhängig von dem Grund, warum das gesagt wurde. Außerdem würde sich an der Bewertung dieser Aussage auch dann nichts ändern, wenn ich beim Vortrag derselben ein freches Grinsen aufsetze.
24. September 2012 at 23:07
@ Catio. Sie sollten, wenn sie schon recht behalten wollen, auf mein Argument eingehen. Das tun Sie aber nicht. Es muss etwas in Beleidigungsabsicht gesagt werden. Es geht also nicht (nur) darum was der Adressat empfindet. Wo kämen wir da hin, wenn das das einzige Kriterium wäre und das ist es nach Ansicht des Gesetzgebers auch nicht. Die inkriminierte Äußerung muss überdies und zusätzlich von dem, der sie abgibt. in Beleidigungsabsicht gemacht werden.Das ist die subjektive Voraussetzung auf Seiten des Täters. Gefühle verletzen ohne dass man das will ist nicht strafbar, konnte ich das verständlich machen.
Übrigens. Wenn ich ein freches Grinsen aufsetze,kann das ein Indiz sein (aber vermutlich kein hinreichender Beweis) für eine bestimmte Absicht. So schwammig sollten sie nicht argumentieren.Denn dass man eine (Beleidigungs-) Absicht manchmal nicht leicht beweisen kann, ändert nichts daran, dass eine solche prinzipiell und essentiell Voraussetzung für Strafbarkeit ist.
25. September 2012 at 02:03
Es geht mir nicht darum, Recht zu behalten. Ich verstehe jedoch das mit der Beleidungsabsicht in Bezug auf verletzte Gefühle nicht, alldieweil eine Beleidigung an eine Person gerichtet oder eine die Person betreffende Beleidigungsabsicht jetzt auch schon strafbar sind. Was das mit verletzten religiösen Gefühlen zu tun hat erschliesst sich mir nicht. Zumal eine Beleidigungsabsicht niemals unterstellt werden kann, wenn ich zu jemanden sage, dass ich seine Religion idiotisch finde, auch wenn das die Gefühle des Gläubigen verletzt. Nicht mal dann, wenn ich über deren Religion Hohn und Spott ausgieße. Es reicht alleine, dass ich etwas bewerte – was ich immer uneingeschränkt darf. Warum ich etwas bewerte oder verspotte, ist unerheblich und niemand wird sich die Mühe machen, daraus eine Beleidigungsabsicht an eine bestimmte Person zu konstruieren, nicht einmal bei frechem Grinsen. Dann könnte sich auch jeder Künstler beleidigt fühlen und mich verklagen, wenn ich sein Werk kalt lächelnd als völlig misslungen verspotte. Solche Fälle sind mir allerdings nicht bekannt.
Im beschriebenen konstruierten Fall geht es um Kreationisten mit merkwürdigem Evolutionsverständnis. Wenn ich also zu denen sage, dass ich ihre Lehre für Quatsch halte, weil Menschenaffen nun mal unsere Vorfahren waren, wer will mir trotz erheblich verletzter Gefühle daraus eine Beleidigungsabsicht unterstellen? Insofern muss ich noch einmal darauf hinweisen, dass es hier ausschliesslich um den gewünschten Schutz verletzter religiöse Gefühle geht und nicht um eine Beleidigungsabsicht.
25. September 2012 at 11:18
Naja man kann schon Leute absichtlich beleidigen.
Ich kann sagen: DU BIST EIN VOLLIDIOT
oder ich kann sagen, diese Meinung halte ich für dumm und unüberlegt.
Zugegeben, beides mag jetzt den betreffenden beleidigen, so wie mich Bemerkungen über das wirken von Homöopathie persönlich beleidigen. Doch das eine ist ein Faktenfreier Angriff, das andere auf die Meinung einer Person gerichtet. Zugegeben noch besser wäre es zu erklären warum man eine Meneing für falsch hält, als sie gleich als dumm abzustufen.
Das berühmte Video wurde ja eindeutig gemacht UM die entsprechenden Personen zu beleidigen UND sie zu Gewaltakten zu verleiten.
Es mag jetzt nicht für diese Personen sprechen, dass sie sich von den “Gottlosen Hunden” so missbrauchen lassen, ist aber klar. Nicht jeder auf dieser Welt lebt schon im 21. Jahrhundert. Es sollte unsere Aufgabe sein, sie dorthin zu geleiten, nicht sie am 16.Jahrhundert zu belassen. So wie man Kindern manchmal nicht sagen darf, dass ihre Bastelei kein Meisterwerk ist, so muss man schon entsprechend auf die Ausgangsbasis dieser Menschen Rücksicht nehmen. Natürlich kann dabei ein einfaches Blasphemieverbot und ein Schutz von Religösen Gefühlen da nicht helfen. Ich würde sagen, dies ist mehr ein gesellschaftliches Problem, als ein juristisches.
PS/Disclaimer:Die Bemerkungen am Beginn waren natürlich nur BEISPIELE und NICHT persönlich gemeint.
25. September 2012 at 11:26
Tja und jetzt mein Kommentar zu den Kreationisten.
Ich halte (nach einer Diskussion mit einem solchen) Kreationisten soweiso für sehr Glaubensschwache Menschen, die Gott für einen Volldeppen halten.
Sprich erstens muss ihr Glauben so schwach sein, das schon das ändern eines kleinen (und auch von diesen Menschen meist eher als unbedeutend eingeschätzten) Teils der Bibel ihr Glaube in Gefahr ist. Doch wenn ihr Glaube so schwach ist, wäre es besser, sie ließen es ganz bleiben. Gott liebt doch diejenigen, die unerschütterlich im Glauben sind, oder jene, die über den Zweifel zu ihm gelangen. Die Ängstlichen und Wortklauber kommen selbst in der Bibel eher schlecht weg.
Zudem sprechen sie von einem Allmächtigen Gott, den Sie nicht ergründen können, aber das DIESER Gott dann das Universum inklusive Mensch so erschafft, kann doch nicht sein. Das darf er nicht! Tja wenn das nicht die schlimmste aller Sünden ist, sich über Gott zu stellen!
Zudem machen sie Gott zu einem dummen Arschloch. Denn offensichtlich hat er ja das Universum so geschaffen, dass es nach Urknall, Evolution, … aussieht. Warum sollte er das tun, wenn nicht um uns von ihm weg zu lenken und sich einen Spaß aus unseren Irrtümern zu machen.
25. September 2012 at 12:11
@KeinAnfang
Jemanden direkt zu beleidigen hat nichts mit dem zu tun, was Erzbischof Schick gefordert hat, nämlich das Verletzen religiöser Gefühle unter Strafe stellen zu lassen.
Wer sagt denn, dass das billig gemachte Video eindeutig für eine Beleidigung und Provokation von Gewaltakten konstruiert ist? Eine Beleidigung für wen persönlich? Woher kennt man die Absichten des Herstellers so genau? Das sind nichts weiter als Spekulationen. Und die Unruhe, die es erzeugt, ist kein Gradmesser für Beleidigung.
26. September 2012 at 18:04
@Catio
Also ich habe das einfach aus der Art und weise geslossen, WIE dieses Video entstanden ist und zudem auch WER es machte.
Ich muss natürlich zugeben, dass man auch diesen als Alternative Menschen eine Totale Verblödung unterstellen kann.
Also wie warhrscheinlich war es, dass ein Video, dass so sinnlos zu sein scheint (ich kenne es ja nicht) NICHT deswegen gemacht wurde.
Kann ich es nachweisen? NEIN, ich halte es aber für den wahrscheinlichsten Fall.
Ist es vielleicht rechtlich in den Griff zu bekommen? Keine Ahnung!
Denoch muss ich es nicht Sinnvoll finden, im Sinne für die Verbreitung von
Humanismus und Co.
Denn ich denke nicht, dass es etwas mit realer Kritik zu tun hat. Kritik sieht meiner Meinung nach anders aus. Das Machwerk ist daher meiner Meinung nach ein Missbrauch all dessen was die Menschenrechte bedeuteten, so wie der Film “Am Anfang war das Licht” ein Missbrauch der Wissenschaft ist.
Doch wie gesagt gesetzlich kann und soll man da nichts machen. Vielleicht Lachen über die …. die solche Filme machen.
10. Oktober 2012 at 08:08
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28. Oktober 2012 at 16:43
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