Eigentlich wollte ich zu dem von Schriftstellern, Philosophen und Bischöfen geforderten gesetzlichen Schutz vor verletzten religiösen Gefühlen nichts mehr schreiben. Zu abwegig ist dieses Thema, denn abgesehen davon, dass mit einem Blasphemieverbot etwas geschützt werden soll, was nach allen wissenschaftlichen Erkenntnissen gar nicht existiert, ist der zusätzliche Schutz vor der Verletzung von religiösen Gefühlen ja nichts weiter als ein Wunsch nach gesetzlicher Rückendeckung für emotionale Erpressungen nicht- oder andersgläubiger Mitmenschen – in einem Rechtsstaat ein absolutes Unding.

Doch wohin eine solche Gesetzgebung führen könnte läßt sich derzeit an einer mehr oder weniger schönen Begebenheit demonstrieren, welche bei der GWUP gestern veröffentlicht wurde. Da hat nämlich eine Brausefirma ein Reklameplakat für ein Cola-Getränk veröffentlicht, auf der die Entwicklungsstufen des Menschen auf den Genuß des Getränks reduziert wurde. Ob die Reklame nun gut oder schlecht ist sei dahingestellt. Das Lustige daran ist jedoch, dass sich sogleich Kreationisten über die Darstellung aufregten, weil sie keineswegs mit dem Schimpansen verwandt sein wollen: “Ich bin kein verdammter Schimpanse”, schrieb ein verärgerter Softdrink-Konsument auf Facebook. “In meinem Haushalt wird es keinen Dr Pepper mehr geben. Gott segne Euch.” Der Softdrink sei schlicht ein Synonym für “Gotteslästerung und vergammelte Zähne”, ätzte eine Frau.” (aus GWUP – Brause stößt Kreationisten auf).

Nun ist bei obigem Fall die Darstellung der stark verkürzten und durch Colabrause vollzogenen evolutionären Entwicklung unserer Vorfahren zum Homo sapiens sapiens eher nicht als geschichtsträchtige Darstellung, sondern so klar als Werbegag zu verstehen, dass man das eigentlich gar nicht mehr erwähnen muss. Dennoch gibt es Menschen, die alleine durch die Darstellung ihrer möglichen Vorfahren als Menschenaffen schon heftigst beleidigt sind, obwohl die tatsächliche evolutionäre und von Kreationisten verleugnete Entwicklung des Menschen im Ursprung von einem gemeinsamen Vorfahren von Schimpanse, Gorilla, Orang Utan und Menschen ausgeht. Nicht umsonst teilen wir unsere DNA zu 98,4% mit den Schimpansen.
Diese Tatsache muss natürlich auf das Heftigste die religiösen Gefühle der Kreationisten verletzen, die in den Menschen keine weiterentwickelten Menschenaffen sehen, sondern ein von Gott mit Sonderstatus im Tierreich erschaffenes Wesen. Ob der Glaubensinhalt der Wahrheit entspricht spielt wie in allen anderen Religionen keine Rolle. Insofern ist die evolutionäre Theorie für Kreationisten Blasphemie “vom Feinsten” und verletzt ihre religiösen Gefühle aufs Schärfste, denn die Darstellung des Menschenaffen als Vorfahr ist noch mehr blasphemisch als die Verneinung der Existenz Gottes.

Es führt kein Weg daran vorbei: unsere Vorfahren waren affenähnlich und nach dem Fellverlust schwarzhäutig
Wiki gemeinfrei

Da die Verletzung religiöser Gefühle jedoch nach dem Willen der ganz oben Genannten gesetzlich geschützt werden soll, wäre der Staat nun in einer erbärmlichen Zwickmühle. Einerseits müsste er die Evolutionstheorie als gut begründete Theorie verteidigen, andererseits wäre er jedoch verpflichtet, das Verletzen religiöser Gefühle zu bestrafen. Letztendlich würde das dazu führen, dass zwangsläufig niemand mehr behaupten dürfte, unsere Vorfahren wären Menschenaffen, denn das wäre durch den blasphemischen Inhalt nach der kreationistischen Lehre “gefühlsverletzend” und somit strafbar. Wissenschaftliche Forschung bzw. deren Nachweise wäre dann unerheblich.

Alleine daran sieht man schon, dass ein Staat bei dem Versuch, das Verletzen religiöser Gefühle gesetzlich zu schützen grandios scheitern muss. Nach den früheren Beliebigkeiten preußischer Staatsepochen sowie dem Dritten Reich ist eine solche Gesetzgebung in einem demokratischen Staat wie der Bundesrepublik nicht mehr möglich, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Und da spielt es keine Rolle, ob es um ein schlecht gemachtes Video geht, um Werbeplakate, die manchen Kreationisten brausemäßig aufstoßen oder um die Verspottung christlicher Symbole.

Verletzte Gefühle religiöser Art sind eher etwas für einen Psychotherapeuten als für einen Gesetzgeber.

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