Feinstoffliche Welten
Wiki gemeinfrei

Bei einer Video-Vorlesung mit Prof. Dr.-Ing. Beck von der Technischen Universität Clausthal über Grundlagen der Elektrotechnik (ab 1:04, Seite 2) hörte ich das Wort “Feinstofflichkeit” zum ersten Male konkret außerhalb esoterischer Ansagen und fand den Begriff  in dem Zusammenhang merkwürdig. Der Dozent bezeichnete nämlich die (elektromagnetische) Strahlung sowie den angeblich darüberliegenden Bereich von Seele und Geist als feinstofflichen Bereich. Vielleicht hatte er ja nebenstehende Tabelle im Kopf, als er seine eigene zeichnete (die ich hier wg. unklarer Urheberrechte nicht darstelle; sie ist aber die erwähnte 2. Seite in der Vorlesung und kann eingesehen werden). Nun fragt man sich natürlich, was denn Feinstofflichkeit in einer Vorlesung über Elektrotechnik zu suchen hat, aber seit den Vorfällen um Hogwarts an der Oder überrascht uns ja im Normalfall nichts mehr, auch wenn die Vorlesung bereits aus dem Wintersemester 2004/2005 stammt.

Zuerst jedoch muss geklärt werden, was unter dem Begriff Feinstofflichkeit überhaupt verstanden wird.
Nach Wiki ist Feinstofflichkeit der Bereich “… zwischen Materie und Immateriellem und dient in einigen philosophischen Ansätzen zur Erklärung einer Interaktion zwischen beiden Elementen bzw. zur Erklärung immaterieller Phänomene überhaupt“. Diese Vorstellung geht bis auf verschiedene antike Philosophen und spätere Religionen zurück und bezeichnet somit die Ebene der Wechselwirkung zwischen Geist und Gott, zwischen Seele und Schöpfung.

Feinstofflichkeit findet sich auch in Esowatch/Psiram, was zumeist als “schlechtes Zeichen” für die Seriosität eines Begriff anzusehen ist. Dort heisst es in dem Artikel unter anderem, dass es sich hierbei um “eine in der Wissenschaft unbekannte Eigenschaft der Materie (handelt), die sich in Unterschied zur so genannten grobstofflichen Materie nicht messen und wiegen lasse, sondern nur durch übersinnliche Wahrnehmung erkennbar sei“. Auch hier findet sich in der weiteren Beschreibung der Hinweis auf antike Philosophen und östliche Religionen, an denen verschiedene Konzepte angeknüpft wurden. Unter anderem ist daraus der Tantrismus entstanden, in dem angenommen wird, der menschliche Körper sei durch feinstoffliche Energiekanäle durchzogen und würden zusätzlich den Körper umspannen. Ansonsten ist der Tantrismus geprägt von unsinnigem und göttlichem Geschwurbel ohne Ende.
In der Kirlian-Fotografie wird von manchen Esoterikern angenommen, dass die mit elektrischer Hochspannung verursachten Koronaentladungen feinstofflicher Natur seien.

Wiederbelebt wurde die Feinstofflichkeit mit der okkulten Theosophie im 19. Jahrhundert durch die Deutsch-Russin Helena Blavatsky (1831-1891). Der Goldene-Brett-vorm Kopf-Kandidat Rudolf Steiner hat dieselbe in seiner esoterischen Anthroposophie gefestigt und verbreitet. Steiner wurde maßgeblich von der Theosophie Blavatskys beeinflusst. Seit dieser Zeit ist der Begriff in der esoterischen Szene fest verankert.

Es ist ein wiederkehrendes Konzept der Esoterik, dass Begriffe aus Wissenschaften übernommen und verfälscht werden. In diesem Falle war es wieder einmal ein aus der Philosophie entnommener Begriff.  Die Feinstofflichkeit wurde in diesem Fall durch Rudolf Steiner vereinnahmt, verfälscht und zur Erklärung aller möglichen undurchschaubaren (und zumeist dennoch erklärbaren) Vorgänge mißbraucht. Insofern ist die Feinstofflichkeit genauso ein esoterisches Kind der Philosophie wie der Begriff Energetik, welche bereits hier beschrieben wurde.

Sollte also demnächst an irgendeiner Universität wieder irgendjemand offiziell von Feinstofflichkeit reden, sollte man die Person darauf hinweisen, dass sie sich damit eher auf ein merkwürdiges Esoterik-Niveau begibt. Denn eines sollte zumindest den dozierenden WissenschaftlerInnen klar sein: Feinstofflichkeit ist allenfalls ein Fall für das Studienfach Philosophie und ansonsten ein reines Hirngespinst, mit dem man keine Studierenden belästigen sollte.

Siehe auch:
GWUP-Blog: Martin Puntigam: Der Mann mit dem Feinstoff
Esoterisch energetische Energiefelder
Energetik – das esoterische Kind der Philosophie

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