Traditionsquelle Geburtsort Jesu
Wiki gemeinfrei

Florian Aigner hatte sich in seinem naklar-Blog auf ScienceBlogs des Themas Tradition angenommen. Letztendlich offenbarte sich in den Kommentaren jedoch schnell, dass jeder etwas anderes unter Traditionen zu verstehen scheint. So werden lebendige gesellschaftliche Vorgänge oder Rituale schon deshalb als Tradition bezeichnet, weil sie schon länger auf die gleiche Art und Weise vollzogen werden. Es tauchten dabei auch solche Fragen auf, ob denn das Essen mit Messer und Gabel oder der Tag der Deutschen Einheit am 3. Okt. nicht schon Traditionen seien. Doch das ist gar nicht so einfach zu abzugrenzen.

Zuerst ist also zu klären, was eine Tradition eigentlich ist. Wikipedia hält dazu einen längeren Artikel bereit, der allerdings auch keine eindeutige Klarheit schafft: “Tradition (…) bezeichnet die Weitergabe (…) von Handlungsmustern, Überzeugungen und Glaubensvorstellungen u. a. oder das Weitergegebene selbst (… z. B. Gepflogenheiten, Konventionen, Bräuche oder Sitten)”.
Das heißt, alles (!) ist ab dem Moment als Tradition zu bezeichnen, wenn es einmal weitergegeben wurde. Als Empfänger müssen das nach Wiki nicht einmal die Nachkommen sein. Im Prinzip ist die Weitergabe einer gerade erfundenen Thematik bereits dann eine Tradition, wenn sie “innerhalb einer Gruppe” weitergegeben wird. Ebenso wäre dann auch eine bestimmte Benutzung eines Gegenstandes in dem Moment Tradition, wenn andere diesen Gegenstand auf die gleiche Art und Weise benutzen. Und die Regel, auf welche Art und Weise dieser Gegenstand benutzt wird, ist ebenfalls als Tradition zu bezeichnen. Folglich wäre dann sogar die Weitergabe eines Toasters mit Bedienungsanleitung an einen Nachkommen bereits Tradition, und zwar sowohl der Inhalt der Bedienungsanleitung als auch die daraus folgende Handhabung des Toasters.
Insofern müssten die Fragen, ob das Essen mit Besteck oder das Begehen des Tages der deutschen Einheit Traditionen seien, eindeutig mit “ja” beantwortet werden. Tradition! Tradition! Tradition!
Was aber ist dann eigentlich keine Tradition?

The Testimony of Tradition
David MacRitchie
Wiki gemeinfrei

Eine solche wie in Wikipedia beschriebene Definition halte ich aus verschiedenen Gründen für viel zu allumfassend, schwammig, verallgemeinernd und im Prinzip dadurch nahezu sinnentleert. Alles ist Tradition! Es wird auch keinerlei Unterschied gemacht zwischen einer sich weiterentwickelnden “Tradition”, die ja letztendlich einen instabilen wabernden Komplex kultureller und sozialer Vorgaben an die Nachkommen weitergibt, und den eher fest- oder stillstehenden zu überliefernden Komplexen, die aufgrund eines nicht mehr veränderlichen Vermächtnisses von Generation zu Generation stets im gleichen Zustand weitergegeben werden. Dazu gehören bspw. alle Religionen, die auf alten Schriften beruhen sowie Traditionen, die mangels neuerer Erkenntnisse oder Einflüsse keine Veränderungen mehr erfahren. Ich denke da bspw. an “ausgestorbene” Sprachdialekte, die von verschiedenen Mundartvereinen noch gepflegt werden oder an Gruppen, die bestimmte Landestrachten erhalten und pflegen. Auch sind Kriegervereine denkbar, die mangels Krieg keine neuen Zuwächse zu verzeichnen haben.

Der Unterschied zwischen den beiden Klassifizierungen liegt auf der Hand. Auf der einen Seite eine lebendige wabernde und sich stets verändernde kulturelle Masse, deren Weiterentwicklung quasi nie zum Stillstand kommt. Diese kann eigentlich nicht wirklich als Tradition bezeichnet werden (vielleicht gerade noch im absoluten Überbegriff als abendländische Tradition), denn im Prinzip wird ein kompletter kultureller und sozialer Komplex weiter gegeben, der beim Erhalt desselben in weiten Teilen noch völlig andere Strukturen beinhaltete. Auch wenn die Basis oder Grundstruktur des Komplexes sich nur wenig geändert hat, ist sie dennoch nicht mehr dieselbe. Auf der anderen Seite dann der relativ große Bereich der fast unbeweglichen Traditionen, die entweder aus alten Schriften oder vermeintlich alten Vorstellungen bzw. erfundenen Traditionen ihre Existenzberechtigung ziehen und längst den Anschluß an irgendwelche Entwicklungen verloren haben. Während der erste Komplex zumindest in Teilen eine lebenswichtige Bedeutung für die Weiterentwicklung der Menschen oder der Menschengruppe hat, ist der Bereich der unbeweglichen Traditionen für eine Weiterentwicklung im Prinzip völlig unwichtig und somit überflüssig.
Solche entwicklungsresistenten Traditionen sind leicht zu erkennen. Sie versperren sich jeglicher Erneuerung, auch deshalb, weil mit jeder Veränderung ihr eigener Existenzgrund mehr und mehr und zumeist bis zum Zusammenbruch in Frage gestellt wird. Deshalb widerstehen die Hüter der Tradition hartnäckig auch in kleinsten Teilen allen Änderungsversuchen. Das Festhalten der Tradition an vorgegebene uralte Regeln ohne der Möglichkeit einer Verschiebung macht dieselbe dann aber gleichzeitig mehr und mehr zu einer behindernden Tradition, ja sogar zu einer überflüssigen Tradition.

Traditionen ohne eigene Dynamik zur Weiterentwicklung sind demzufolge stets rückwärtsgewandt und stören durch ihren Stillstand die Weiterentwicklung anderer kultureller oder sozialer Komplexe, vorausgesetzt, ihr Einfluss auf die Gesellschaft ist stark. Das war lange Zeit bei der katholischen Kirche so, aus deren entwicklungsresistenten traditionsreichen Fangarmen sich die Aufklärung einen Weg bahnen musste. Und das ist auch der Grund, warum solche verkrusteten Traditionen die Gesellschaft behindern. Sie verhindern durch das teils bis in den letzten Winkel der Gesellschaft gewucherte Traditionsgeflecht die Bewegung oder Weiterentwicklung in einen anderen, neuen Zustand;  sie behindern jegliche Erneuerung und Erweiterung des Denkens, denn sie wissen, dass eine fortschreitende Entwicklung dazu führt, dass sich die Gesellschaft von ihren Regeln entfernt und sie dadurch langsam absterben. Alte Traditionen halten nicht an den Werten fest, weil diese für die Gesellschaft von Vorteil sind; sie halten sich daran fest, weil es ihr eigenes Überleben sichert. Und das fast immer ohne Rücksicht auf die Menschen, die andere Wege gehen wollen.

Nun sind gerade Religionen in ihrer Entwicklungsresistenz und Unbeweglichkeit dennoch identitätsstiftende Traditionen, und das in nicht zu unterschätzendem Ausmaße. Die Gesellschaft findet in ihr den Teil des konservativen Bereichs wieder, den sie benötigt, um sich nicht zu schnell zu entwickeln bzw. den derzeitigen Zustand zu “konservieren”. Konservative und Traditionelle sind demzufolge nicht nur eng miteinander verwandt sondern auch verflochten, denn sie ergänzen sich als Bewahrer alter Regeln und Behinderer von kulturellen Weiterentwicklungen.

Tradition! Tradition! Tradition!
Traditionsreicher Scheiterhaufen
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Diese identitätsstiftenden Vorgänge finden sich auch in anderen “quasireligiösen” Bereichen wieder und begründen sich tatsächlich in dem Wunsch nach bewahrenden Traditionen. Einige Beispiele lassen sich aufzählen: Menschen, die in esoterischen Bereichen auf der Suche nach “uraltem” Wissen oder Spiritualitäten sind; die Vorstellung, Außerirdische hätten in frühen Zeiten die Erde heimgesucht und an die Menschen “das wahre” Wissen weiter gegeben; kuriose Heilmethoden wie Schamanentum, Reiki, traditionelle chinesische Medizin,  Schwingungsheilung und vieles mehr. Sie alle beinhalten im Prinzip nichts weiter als die Sehnsucht nach uralten gültigen (und traditionsreichen) Regeln und damit einer Tradition, in der sich Menschen wiederfinden oder aufgehoben und geborgen fühlen können. Die Sehnsucht der Menschen nach einem festen Platz in einem festen und klarem Gefüge mit einfachen Antworten machen eine langlebige Tradition aus, auch wenn dieselbe als erfundene Tradition gilt  oder schon längst völlig unbeweglich geworden oder abgestorben ist.

Doch das Verharren in Stillstand ist ein stetes Zurückschreiten. Wenn der Einfluss zu stark ist, dann können solche rückwärtsgewandten Traditionen durchaus ganze Gesellschaften rückwärts mit sich ziehen und enormen Schaden anrichten. Aus diesem Grunde müssen von Zeit zu Zeit “altehrwürdige” Traditionen, die fast immer auf recht labilen tönernen Füssen stehen, entweder in die Bedeutungslosigkeit bzw. in den Privatbereich zurückgedrängt oder schlichtweg zum Einsturz gebracht werden. Und manche Traditionen landen dabei glücklicherweise auch gleich auf dem Scheiterhaufen der Geschichte.

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